“Schule erstickt die Kreativität” – erster TED-Talk von Sir Ken Robinson vor 10 Jahren

 

Es sind 10 Jahre vergangen, seit dem Sir Ken Robinson seinen ersten TED-Talk Schule erstickt die Kreativität gehalten hat. Inzwischen wurde dieser Talk über vierzig Millionen (40 Millionen!) mal angeschaut – der meistgesehene TED-Talk aller Zeiten. Heute fragt Sir Ken in den sozialen Medien, welchen Einfluss sein Talk hatte, was dieser bei den 40 Millionen Zuschauern bewirkt oder verändert hat.

Das habe ich als Gelegenheit genutzt, mir den Talk wieder anzuschauen und überlegt, was dieser Talk für mich bedeutet.

Vor 10 Jahren war ich Anfang 30, frisch verheiratet, erfolgreich im Berufsleben und möglichst oft reisend in der Welt unterwegs. Ich hatte eine klassische Schullaufbahn hinter mir: Grundschule, Gymnasium, Studium und damals bereits fast 10 Jahre Karriere im Großunternehmen. Während dieser Zeit hatte ich mir noch keine Gedanken zum (Schul)system gemacht. Ich war Teil des Systems und hatte noch keine Motivation, dieses in Frage zu stellen.

Dann kamen unsere Kinder auf die Welt und ich durfte die Prozesse des Lernens und der menschlichen Entwicklung bei meinen Kindern live und erneut erleben und gleichzeitig neu kennenlernen.

Als ich Sir Ken’s ersten TED-Talk Schule erstickt die Kreativität gesehen habe, war dies ein einleuchtendes Erlebnis. Es hat in mir ein Feuer entflammt. Vieles aus dem Talk konnte ich in meiner täglichen Arbeit im Bereich Unternehmenslernen nachvollziehen. Kreativität und Innovation, individuelle Fähigkeiten fördern, “thinking outside the box”, soziales Lernen – das waren alle Schlagwörter, die im Vordergrund standen, als wir neue Lernprogramme für Mitarbeiter entwickelt haben. Ich hatte mir noch keine Gedanken dazu gemacht, dass das derzeitige Schulsystem, das die nächste Generation von kreativen, innovativen, querdenkenden Erwachsenen bilden sollte, ein ganz anderes Fundament hatte.

“Meine Überzeugung ist, dass heute Kreativität genauso wichtig für Bildung ist, wie Lesen und Schreiben, und wir sollten sie gleichwertig behandeln.” 

Sir Ken beschreibt eine Fächerhierarchie in Schulen: an oberster Stelle Mathe und Sprachen, dann die Geisteswissenschaften, dann ganz unten die Kunstfächer (Musik und Kunst, dann noch weiter unten Tanz und Theater). Die Hierarchie bezieht sich auf die Wahrnehmung des Stellenwerts dieser Fächer, die sich jeweils z.B. aus der Anzahl Unterrichststunden in diesen Fächern an einem normalen Schultag erkennen lässt.

Ich habe überlegt, was meine Kinder alles gelernt hatten, bevor sie überhaupt ins Schulalter kamen: Laufen, Rennen, Klettern, Tanzen, Malen, Zeichnen, Bauen, Tüfteln, Basteln, Weben, Nähen, Kochen, Backen, Lachen, Weinen, Freundschaften schliessen, zwei Sprachen sprechen…u.v.m., und ja auch die Grundprinzipien des Rechnens (mit 3 Kindern in der Familie ist das Thema Teilen groß) und des Lesens und Schreibens (mit 3 oder 4 Jahren haben alle meiner Kinder angefangen, ihre eigenen und die Namen der Familie zu lesen und zu schreiben).

Ich habe mit einem anderen Blick auf die Tätigkeiten meiner Kinder geschaut und gemerkt, wieviel sie im täglichen Leben lernen und wieviel davon sich nicht in die üblichen Schulfächer einteilen lässt. In seinem Talk stellt Sir Ken die Frage, warum schränken wir in Lernort Schule das Lernen auf ein Bruchteil der Interessen und Fähigkiten der Menschen ein?

“Es gibt auf dem Planeten kein Bildungssystem, das Kinder täglich genauso im Tanzen unterrichtet wie in Mathematik. Warum? Warum nicht? Ich denke, dass das ziemlich wichtig ist. Ich denke Mathematik ist wichtig, aber das gilt auch für Tanz. Kinder tanzen die ganze Zeit, wenn sie dürfen, wir alle tun das. Wir alle haben Körper, oder? …Was geschieht ist doch, dass wir Kinder, wenn sie aufwachsen, immer weiter von der Taille aufwärts unterrichten? Und dann konzentrieren wir uns auf die Köpfe…..Der Sinn öffentlicher Bildung überall auf der Welt ist es, Universitätsprofessoren zu produzieren.”

Wenn akademische Fähigkeiten unser Verständnis von Intelligenz dominiert, führt es dazu, dass die Schule eigentlich nur ein Lernort für werdende Universitätsprofessoren ist, das Schulsystem quasi wie “ein in die Länge gezogener Prozess der Eintrittsprüfung in die Universität”. Was ist dann mit all den anderen menschlichen Fähigkeiten, die hier keinen Platz finden? Unsere Welt ist vielfältig, Menschen sind vielfältig. Warum wertschätzen und fördern wir in einem Schulsystem, das um die 13 Jahre lang Kindern Bildung ermöglichen soll, nur ein kleines Teil davon?

“Viele hochtalentierte, brilliante, kreative Menschen denken, dass sie es nicht sind. weil die Sache bei der sie in der Schule gut waren nicht wertgeschätzt oder sogar stigmatisiert wurde. Und ich denke, wir können es uns nicht leisten so weiterzumachen…. Unser Bildungssystem hat unsere Köpfe genau so ausgebeutet wie wir die Erde ausbeuten: Um eines bestimmten Rohstoffs willen.”

Es war für mich klar, dass es anders gehen muss. Das, was ich im Berufsleben an Bedürfnisse und Fähigkeiten erkennen konnte und das, was ich bei meinen Kindern beobachten konnte, passte mit einem Schulsystem mit einer solchen Fächerhierarchie, Bewertung, Druck, Zwang und Vereinheitlichung einfach nicht zusammen. Die Konsequenz für uns war, dass unsere Kinder nicht in eine Regelschule gehen, sondern in eine Freie Schule, in der freie Potentialentfaltung an erster Stelle steht. Für mich persönlich war die Konsequenz, dass ich mich leidenschaftlich im Bereich Lernen und Bildung weiter bilde und mich für alternative Bildung einsetze.

Nach diesem ersten TED-Talk von Sir Ken (es gibt inzwischen drei weitere), als ich meine ersten Schritte auf diesem Weg gewagt habe, habe ich mich mit vielen weiteren Texten und Experten zum Thema Bildung beschäftigt. Immer wieder mal schaue ich Sir Kens TED-Talks an, weil sie nach wie vor für mich eine Quelle der Inspiration sind, mich mit seinem Humour zum Lachen bringen und mir neue Energie schenken, diesen alternativen Weg weiter zu gehen. Sir Ken ist ein unglaublich unterhaltsamer Redner, der sehr zum Nachdenken anregt.

Sir Ken beendet seinen Talk mit folgenden Worten:

“Und der einzige Weg, wie wir das tun können, ist unsere kreativen Möglichkeiten und ihren Reichtum zu sehen, und unsere Kinder, weil sie unsere Hoffnung sind. Unsere Aufgabe ist es, ihr ganzes Wesen auszubilden, damit sie für die Zukunft gewappnet sind. Ganz nebenbei – wir werden diese Zukunft möglicherweise nicht mehr sehen, sie aber schon. Und unser Job ist es, ihnen zu helfen, etwas daraus zu machen.”

Diese Worte haben heute für mich genau so viel Bedeutung als vor 10 Jahren. Es gibt heute Bewegung: alternative Schulen, Freilernen, immer mehr Pädagogen, die sich an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten und an die natürlichen Lernprozesse von Kindern orientieren. Wir sind noch auf dem Weg, auch wenn an manchen Tagen dieser Weg noch lang und steinig zu sein scheint.

Ich kann Sir Kens TED-Talks sehr empfehlen. Bei allen Talks können deutsche Untertiteln eingeschaltet werden und es gibt für jeden die deutsche Textabschrift.

Oh, und falls das hier Sir Ken persönlich liest: Sir Ken, Sie sind jederzeit zum Abendessen bei uns herzlich eingeladen!

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Sir Ken Robinson auf TED.com

TED Talks (alle auf Englisch mit deutschen Untertiteln verfügbar)

Wenn Du erfahren willst, was andere nun 10 Jahre später zu Sir Kens Talk sagen, kannst Du seinem Aufruf auf seiner Homepage folgen: 10 Years On

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