Freie Aktive Schule – ein Ort der Selbstbestimmung, der Beziehung und der Entfaltung

Hier in Baden Württemberg geniessen wir in strahlendem September-Sonnenschein die letzten Tage der Freibadsaison. Da ich mich mit einem Beitrag an der Blogparade zum Thema #Schule #selbstbestimmt #unerzogen von Nicola Kriesel und dem Blog Die Physik von Beziehungen beteiligen möchte, lasse ich meine Gedanken ein wenig Richtung Schule wandern, die ab nächster Woche für die Kinder wieder geöffnet hat. Für diesen Beitrag habe ich mir Gedanken gemacht, wie wir zur Freien Aktiven Schule gekommen sind und unsere Erfahrung dabei.

Alternative Freie Aktive Schule

An der Freien Aktiven Schule, die unsere drei Kinder bald in ihrem 2. und 4. Jahr besuchen, gibt es keinen gewöhnlichen Unterricht, keine Hausaufgaben, keine Klassen (sondern drei altersgemischte Stufen mit je 15-20 Schüler_Innen), ein offenes Raumkonzept und Lernbegleiter_Innen statt Lehrer_Innen. Es gibt Montessori-Materialien, vielfältige fach- und stufenübergreifende Angebote und keine Noten.

Als wir uns auf die Suche nach einer Schule für unsere Kinder gemacht haben, waren das zum großen Teil die Punkte, die zusammen mit Nicht-Direktivität und freier Tätigkeitswahl oben auf unserer Wunschliste standen.

Ganz besonders schätze ich an unserer Schule auch das Wildnisangebot. Diesem besonderen Thema möchte ich gerne zu einem späteren Zeitpunkt einen eigenen Beitrag widmen.

Es geht um Haltung, die Beziehung und Begleitung ermöglicht

Wie wir zu der Freien Aktiven Schule gekommen sind: Ich habe angefangen, mich damit zu beschäftigen, wie Kinder lernen, als meine Kinder im Baby- und Kleinkindalter waren und wir einen Spiel- und Bewegungsraum besuchten. Dort konnten die Kinder in einer für sie vorbereiteten Umgebung frei spielen und sich frei bewegen. Wir Eltern durften (sollten) uns zurücknehmen, am Rand sitzen, für unsere Kinder präsent sein aber ansonsten einfach still beobachten. Die Kinder haben selbst entschieden, ob überhaupt und was sie ausprobieren wollten. Bei Konflikten hat wenn notwendig die Begleiterin die Kinder wertschätzend begleitet.

Vor allem habe ich in diesen Spielraumstunden einen völlig neuen Umgang, einen ganz anderen Blick auf Kinder, auf das Leben (mit Kindern) und auf das Lernen kennengelernt. Ich konnte beobachten, wie meine Kinder durch das Vertrauen, das ihnen entgegengebracht wurde, gewachsen sind.

Ich hatte eine andere Haltung kennengelernt, die unser Familienleben von Grund auf veränderte und so bereicherte, daß ich diese mir auch damals für die Schulzeit gewünscht habe. (Heute denke ich weiter: das ist eine Haltung für das Leben!)

Eine Haltung, die jedes Kind in seinem ganzen Wesen sieht und annimmt, die es jedem Kind ermöglicht, selbstbestimmt und selbstwirksam zu handeln, frei von Fremdregulierung und Fremdbewertung und stattdessen in vertrauensvoller Begleitung mit wertschätzender Kommunikation.

Eine Haltung, die auf Vertrauen und Empathie statt Kontrolle, auf Neugier statt Formen zu wollen, auf Beziehung statt Erziehung basiert.

Eine Haltung, die neugierig, interessiert, einladend und wertschätzend ist.

Eine Haltung, die jedes Kind als kompetent sieht und in gleichwürdigen Beziehungen gelebt wird.

Eine Haltung, die Kindern ermöglicht, in ihrem Element zu leben und zu lernen.

In unseren nun drei Jahren an unserer Schule sind wir alle an dieser Haltung gewachsen.

“Sie kann gut Kinder verstehen” – eine bedürfnis- und beziehungsorientierte Begleitung

Ich erlebe, wie die individuellen Persönlichkeiten unserer Kinder in der Schule Raum finden, wie sie in sich selbst wachsen und sich entfalten.

Und sie spielen.

Sie treffen Entscheidungen und lernen sich selbst zu organisieren, z.B. ob sie an Angebote teilnehmen möchten oder nicht bzw. ob sie bei einem Ausflug mitfahren wollen oder nicht. Die Möglichkeit, „nein“ zu sagen, lässt sie reflektierter und kritischer überlegen. Und dann sind sie auch frei, „ja“ zu sagen. Wenn sie bei einer Entscheidung „ja“ sagen, geschieht dies informiert, gut überlegt, aus freiem Willen und aus vollem Herzen.

Ich erlebe, wie sie Raum haben, auf sich und ihre Bedürfnisse zu achten.

In der Aula oder im Garten findet jede(r) zu jeder Zeit Platz, um etwas zu essen oder zu trinken; ein Wohnzimmer lädt zum Rückzug oder in Ruhe lesen ein; der Garten und ein Bewegungsraum bieten Platz zum Rennen, Klettern, Schaukeln, Ringen, Gärtnern, Angebote draussen abhalten, zu spontanen Ball- und Bewegungsspielen.

Das ist alles möglich, weil sie von Menschen begleitet werden, die sie sehen, die sie für wertvoll und kompetent halten, und die Vertrauen haben, daß sie wachsen und lernen.

Eine unserer Töchter hat beschrieben, warum sie eine Lernbegleiterin ganz besonders mag:

“Weil sie gut Kinder verstehen kann. Wenn ich sie etwas frage, dann hilft sie mir. Wenn ich sie z.B. frage, ob wir Papier zum Basteln haben, zeigt sie mir, wo ich Papier finden kann und ich suche mir aus, was ich brauche….Sie sagt nicht, was ich nehmen soll oder welches Papier sie nehmen würde, sondern nur, wie ich mir das selbst aussuchen kann.” 

Sie fühlt sich gesehen und wird in ihrer Selbstbestimmung begleitet.

In Beziehung Gemeinschaft leben

Auch wir Eltern und Erwachsene wachsen und lernen an dieser Haltung. Unsere Schule ist eine Gemeinschaft, die dem offenen Austausch unter Schüler_innen, Lernbegleiter_innen und Eltern Raum gibt. Die Beziehungen, die durch diese Haltung entstehen, ermöglichen Zusammenarbeit. So sind die Lernbegleiter_innen unserer Kinder auch unsere Partner. Wir sehen uns, tauschen uns aus, vertrauen in uns und in “unseren” Kindern, schauen hin und begleiten gemeinsam die Kinder in ihren Bedürfnissen, in ihrem Sein, zu Hause und in der Schule. In den letzten drei Jahren habe ich die enge Beziehung zu Lernbegleiter_innen und anderen Eltern als Gesprächs- und“Sparring“partner sehr geschätzt.

Jeder Mensch ist anders. So finden sich in unserer Schulgemeinschaft unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche zusammen. Nicht zuletzt ist eine gelebte Haltung und wertschätzende Kommunikation für diese Zusammenarbeit und dafür, Gemeinschaft zu leben, in die sich jede(r) einbringen kann, entscheidend.

„Was ich in meinem Leben will, ist Einfühlsamkeit, ein Fluss zwischen mir und anderen, der auf gegenseitigem Geben von Herzen beruht” 

– Marshall B. Rosenberg, Gewaltfreie Kommunikation

Gelebt wird diese Haltung im Schulalltag in Gesprächen, Runden und Versammlungen. Hier geht es um „unden“, einen Begriff, den ich aus dem Blog Die Physik von Beziehungen gelernt habe und den ich sehr passend finde. Was brauchst/willst du und was brauche/will ich? Wie organisieren wir uns, daß es für dich und für mich passt? Hier sind die Bedürfnisse und Wünsche der Schüler_innen und der Lernbegleiter_innen gleichwertig und es werden nach Lösungen für alle gesucht.

Lernen Kinder an einer Freien Aktiven Schule?

Ja, dazu ist das Leben da! An einer Freien Aktiven Schule lernen Kinder (und Erwachsene!) aber das Lernen ist nicht durch oder auf einen vorgegebenen Lehrplan oder bestimmte Fächer beschränkt. Lernen findet selbstbestimmt und organisch statt, “fächerübergreifend” und natürlich, aus Zusammenhängen und aus dem täglichen Miteinander heraus – wie auch sonst im Leben.

Wer z.B. in der Schule eine Snack Bar oder ein Restaurant betreiben will, lernt: zu planen – “Marktforschung” (wer würde was essen wollen), benötigte Mengen und Zutaten (inkl. Einkaufen), Geräte, Geld (inkl. Bankbesuch), Stimmung und Dekoration (Kultur und Kunst); auszuführen – Bestelltheke, Kasse, Kochen und Backen, Bedienen; und sich zu organisieren. Die anschliessende Reflektion und Prozessoptimierung ist auch wesentlich.

Hierzu gehören Kompetenzen wie Lesen, Schreiben, und Rechnen, aber auch ganz viel mehr!

In einer Freien Aktiven Schule wird auch (für uns Erwachsenen oft) unsichtbar gelernt, z.B. im Spiel.

„Was ist das Erste, was ein Kind tut, sobald man es in Ruhe läßt? Spielen!“ – André Stern

Für Kinder ist Spielen die höchste Form des Lernens. Darüber habe ich hier in Lernen ist Kinderspiel und „Er spinnt doch!“ -Die Fantasie unserer Kinder ist grenzenlos und das ist gut so geschrieben.

Seitdem wir uns mit freiem Lernen beschäftigen, sehen wir auch was sonst alles gelernt wird, was wir früher mit unserem geschulten Blick vielleicht nicht wahrgenommen hätten, weil es ausserhalb der Schule war oder sich keinen „Schulfächern“ zuordnen lässt. Sich mit diesem geschulten Blick auseinanderzusetzen ist auch ein Prozess. Darüber habe ich hier geschrieben.

Es geht um Vertrauen. Wenn ich darauf vertraue, daß mein Kind gerade genau das tut, was es für seine persönliche Entwicklung genau jetzt braucht, bleiben die natürlichen Lernprozesse erhalten und es lernt.

Mir geht es auch um Kindheit. Das Leben ist lang, um alles zu lernen, was wir brauchen; die Kindheit dagegen – mit dem Potenzial, mit allen Lern- und Entwicklungsprozessen, die dann stattfinden – viel zu kurz, um sie mit Fremdbestimmung, Zwang, und Druck zu (er)leben.

Selbstbestimmtes, freies Lernen und Schule schliessen sich nicht aus

Mein Herz schlägt für das freie Lernen. Ich glaube, daß wir Menschen immer und überall lernen, daß das Leben Lernen ist und an Lernen und Bildung auch ohne Schule. Wenn die Menschen an einer Schule das auch glauben und leben, ist freies und selbstbestimmtes Lernen auch an einer Schule möglich.

Unsere Schule ist für uns kein familien- oder lebensfremder Ort, sondern ein Ort, der zu unserem Familienleben gehört und wo wir uns als Familie viel und oft gemeinsam aufhalten. Eltern sind eine wichtige und feste Säule der Schulgemeinschaft. Ich verstehe Leben als Lernen und die Schule ist für uns einfach ein Teil unseres Lebens. Somit gibt es für unsere Kinder keine Beschränkungen zwischen Lernen in der Schule und Lernen ausserhalb der Schule. Ob Ferienzeit oder Schulzeit, unsere Kinder leben und lernen nach ihren Interessen und mit all ihren Tätigkeiten einfach weiter.

An unserer Freien Aktiven Schule gibt es geregelte Öffnungszeiten, ein örtliches Schulgebäude mit Hof und mehr oder weniger eine feste Gruppe von Menschen, die sich täglich zusammenfinden. Selbstbestimmte(s) und freiwillige(s) Spielen und Projekte, Ausflüge oder Besucher, die besonderen Angebote machen, sorgen für Vielfalt. Auch bei Freiwilligkeit und Selbstbestimmung ist hier gefragt, sich mit anderen zu organisieren. Mit einer gelebten Haltung und in Beziehung kann das gehen.

Freie Entfaltung findet dort statt, wo Vertrauen, Selbstbestimmung und Beziehung Platz haben.

Ich stelle mir eine Bildungslandschaft vor, in der jeder Mensch die Möglichkeit hat, im Einklang mit der eigenen Entwicklung und eigenen Bedürfnissen selbst zu bestimmen, wie er_sie sich bildet.

Für uns ist unsere Freie Aktive Schule – mit freiem Konzept und einer bedürfnis- und beziehungsorientierten Haltung – eine echte Alternative, eine Chance freies und selbstbestimmtes Lernen und Schule zu vereinbaren.

Wenn du mehr über den Alltag an unserer Freien Aktiven Schule erfahren möchtest, will ich dir gerne diesen Erfahrungsbericht „Frei und aktiv Lernen – warum dies allen Kindern UND Erwachsenen dieser Welt so gut tut“ von Kevin Heckmann von Free for Family ans Herz legen.

***

Dieser Artikel habe ich als Beitrag für die Blogparade #Schule #selbstbestimmt #unerzogen von Die Physik von Beziehungen geschrieben. Über diesen Link findest du alle weiteren Beiträge dieser Blogparade, die von unterschiedlichen Erfahrungen mit Schule berichten.

Im Blog Die Physik von Beziehungen findest du ausserdem wertvolle Beiträge zum Leben unerzogen und in Beziehung (ein Lieblingsblog von mir :-)).

***

Wenn Du mehr lesen möchtest, folge diesem Blog oder klicke auf „Gefällt mir“ auf der Begeistert Lernen Facebook -Seite.

Ein Kommentar zu „Freie Aktive Schule – ein Ort der Selbstbestimmung, der Beziehung und der Entfaltung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.