Von der Uni zur “University of Life” – warum Deschooling für freies Lernen unverzichtbar ist

Ich war die erste Person in meiner Familie, die auf die Uni ging. Obwohl meine Mama damals schon immer sagte, sie würde die “University of Life” besuchen. Als Jugendliche hat mich diese Aussage genervt, vermutlich weil für mich damals mein Verständnis für Bildung und Lernen eng mit Bildungsinstitutionen zusammenhing und ich hart gearbeitet hatte, um einen Platz an der Uni zu bekommen.

Das Leben ist doch keine Uni! dachte ich.

Heute sehe ich das anders. Das Leben ist Lernen. Wir Menschen lernen immer, überall und zu jeder Zeit. Auch wenn wir versuchen, nichts zu lernen, lernen wir etwas. Das habe ich gelernt, als ich versuchte, am Learn Nothing Day nichts zu lernen.

Wenn ich heute daran denke, was meine Mama damals sagte, freue ich mich! Unwissend wurde durch ihre Aussage einen Samen gepflanzt, der sich erst mit meinen eigenen Kindern in mir keimte. Darauf folgte ein dauerhafter Prozess, den ich heute als Deschooling (Entschulung) kenne. Um das Leben als Lernen zu verstehen und zu leben, um das freie und selbstbestimmte Lernen für meine Kinder zu ermöglichen, ist der Prozess des Deschoolings unverzichtbar.

(Heute gibt es übrigens eine online University of Life, die „die Welt als großes Klassenzimmer“ sieht und sich lebenslangem Lernen als Reise zu sich selbst widmet.)

Warum ist Deschooling wichtig?

Als ich bei meinen Kindern beobachtete, wie neugierig sie dem Leben begegneten, wieviel sie von sich aus, natürlich und ohne Fremdbestimmung lernten, mit einer Begeisterung, die nur der Tatsache galt, dass sie etwas Neues für sich entdeckt und gemeistert hatten, frei von der Bewertung anderer Personen, wußte ich, dass dies der Weg war, den ich gehen wollte. Ich fing an, mich mit dem Thema freies Lernen auseinanderzusetzen.

Wir sind über einen Pikler-Spielraum und Waldkindergarten zu einer Freien Schule gekommen. Der Weg war neu, spannend, etwas, was ich mir früher nie vorgestellt hätte und alles Andere, als ich selbst als Lernen und Schule erlebt hatte. Ängste waren auch da. Ich fragte mich, wie es mir wohl gehen würde, wenn unser Sohn doch nicht lesen und schreiben lernen würde. Was ist, wenn es mit dem freien Lernen nicht “funktionieren” würde?

Heute sehe ich freies Lernen nicht als etwas, was “funktioniert”. Vor allem ist freies Lernen eine Haltung, eine Einstellung zum Lernen und zu Menschen – egal welchen Alters¹ – und zum Leben. Es geht um Vertrauen, um Selbstbestimmung, um Beziehung, und darum, dass Lernen nicht vom Leben zu trennen ist.

Diese Erkenntnis und der Weg dahin ist für mich der Deschooling-Prozess. Deschooling bedeutet für mich: loslassen, sich Fragen stellen und sich weiterbilden. Dabei tauchen Glaubensätze und Ängste auf, die oft den Weg zum Vertrauen zu sperren drohen. Hier hat mir vor allem informieren und weiterbilden geholfen. In ihrem letzten Artikel Mein Kind soll selbst bestimmen! Aber wie lass ich die Angst los?! hat Ruth von Unerzogen Leben folgenden Rat:

Informier dich. Wenn du eine konkrete Angst hast, informiere dich und löse sie auf. Denken, denken, informieren. Angst hat eine Allergie auf Wissen. Bombardiere sie mit Wissen!”

Ruth – Unerzogen Leben

Das ist der Grund, warum dieser Blogartikel einige Verweise auf andere Artikel und Quellen beinhaltet: Deschooling ist ein aktiver Prozess.

Deschooling ist zur Begleitung notwendig

Deschooling ist notwendig, um freies Lernen zu begleiten. Wenn ich nicht vertraue, nicht selbstbestimmen lassen kann, Lernen und Bildung nur getrennt vom Leben in Form von Bildungsinstitutionen, Fächern und Abschlüssen sehen kann, bin ich offen für Ängste und greife gegebenenfalls auf Fremdregulierung zurück, was die natürlichen Lernprozesse stört. 

Kinder sind von Erwachsenen abhängig und wollen kooperieren. Gleichzeitig haben sie ein Bedürfnis nach Selbstbestimmung. Wenn Kinder merken, dass wir nicht vertrauen, dass sie lernen werden, dass sie selbstbestimmen können, sind sie nicht frei. Die Verantwortung, die eigentlich den Erwachsenen gilt, haben auf einmal die Kinder und sie werden entweder alles machen, um den Erwachsenen alles recht zu machen, oder die eigene Integrität gegen jegliche Fremdregulierung wehren und irgendwann sich “auffällig” verhalten.

Dabei ist für mich wichtig zu erkennen, dass sich hier alle Kinder “auffällig” verhalten, da sie sich jenseits ihrer eigenen Integrität zugute der Kooperation verhalten. Hinter jedem Verhalten befindet sich ein Mensch, mit Bedürfnissen oder in Not, der gesehen werden will. Darüber, dass Kinder nicht „funktionieren“, habe ich hier geschrieben, und über Empathie und gesehen werden hier.

Deschooling zur Begleitung bedeutet für mich, einen anderen Blick auf Kinder zu gewinnen, zu vertrauen, daß ein Kind sich selbst organisieren kann, hinter Verhalten zu schauen, welche Bedürfnisse da sind, und in Beziehung den Menschen beim Ausdruck und Erfüllung dieser Bedürfnisse zu begleiten.

Was ich alles durch Deschooling bis jetzt gelernt habe

Deschooling ist für mich ein dauerhafter Prozess. Einiges habe ich bereits auf meinem Weg gelernt:

  • Spielen ist für Kinder die höchste Form des Lernens
    Es ist in Ordnung, wenn meine Kinder den ganzen Tag spielen. Denn Spielen ist Lernen. Darüber habe ich hier und hier geschrieben. Wenn Du noch mehr dazu lesen möchtest, empfehle ich die Arbeit von Peter Gray² und von André Stern5.
  • Selbstbestimmung und Freiwilligkeit sind essentiell.
    Alle Menschen haben ein Bedürfnis auf Selbstbestimmung. Wer selbstbestimmt handeln kann, ist unabhängig von den Erwartungen oder Bewertungen anderer Personen, kennt seine eigenen Fähigkeiten, weiß was er braucht und kann sinnvoll und selbstwirksam lernen. Hierzu gehört die Freiwilligkeit, sich für (oder gegen) Lernangebote zu entscheiden.
    Warum ich die Freiwilligkeit für das Lernen essentiell finde, habe ich hier geschrieben.
    Um sich mehr zum Thema Selbstbestimmung zu informieren, empfehle ich den Artikel Fremdregulation von Kindern – Warum es Vertrauen zerstört und Selbständigkeit verhindert von Elternmorphose by Aida S. de Rodriguez.
  • Vertrauen braucht Beziehung; Beziehung braucht Vertrauen
    Wenn wir einander als Menschen, auf Augenhöhe und in Beziehung begegnen, sind wir in Kontakt. Wir können uns selbst und einander vertrauen.
    Wenn Vertrauen da ist, können wir reden, z.B. wenn mein Kind ein Interesse hat, was ich nicht gut finde (und wenn wir freies und selbstbestimmtes Lernen ermöglichen, wird es Vielfalt geben³) oder wenn mein Kind lieber Fußball spielen will statt an Lese- und Schreibangebote teilzunehmen (und ich es anders von der Schule kenne), oder wenn ein besonderes Verhalten für mich störend ist, kann ich dieses ohne Bewertung oder in Schuhbladen zu stecken, in Beziehung und Vertrauen ansprechen.
    Es gilt: neugierig sein. Hier in Kontakt zu treten, heißt für mich, der Versuch herauszufinden, was für Bedürfnisse ein Kind hat und nicht durch Ausdruck meiner Sorgen oder Ängste, ein Kind für diese verantwortlich zu machen oder durch diese zur Kooperation zu leiten.
  • Fremdbewertung – Noten, Berichte aber auch Lob, Strafen und Konsequenzen – sind unnötig und schädlich
    In der Schule hatte ich immer die Topnoten. Meine Begeisterung für das Lernen und mein Selbstwertgefühl waren irgendwann mit diesen verknüpft und von diesen abhängig. In dieser Abhängigkeit ist es nicht möglich, frei zu lernen. Hier empfehle ich gerne die Artikel und Bücher von Alfie Kohn.4
  • Freies Lernen beschränkt sich nicht auf Schule oder Schulfächer
    Freies Lernen lässt sich nicht auf Schulfächer beschränken und sich auch nur zwanghaft diesen zuordnen, weil freies Lernen organisch stattfindet. Beim Bau und Betrieb einer Wasserbahn spielen Zeichnen, Schreiben, Lesen, Rechnen, Physik – und wenn mehrsprachige Kinder dabei sind, auch Sprachen – eine Rolle. Es findet auch sonst so viel Lernen im Leben statt, das oft gar nicht wahrgenommen wird, weil es ausserhalb der Schule bzw. Schulfächer stattfindet.
  • Lernen ist nicht immer sichtbar
    Als meine Zwillingstöchter das Laufen gelernt haben, hätten sie es nicht unterschiedlicher lernen können. Meine erste Tochter hat über Wochen sich irgendwo hochgezogen, losgelassen, Schritte versucht, ist hingefallen. Zigmal hat sie das Ganze wiederholt, bis es an einem Tag endlich klappte. Meine zweite Tochter war ganz zufrieden, per Krabbeln überall hinzukommen und hat keine Anzeichen dafür gemacht, daß sie bald laufen will. Bis zu dem Tag, als ihre Schwester ihre ersten Schritte gemacht hat: das hat sie gesehen, ist daraufhin aufgestanden und ist selbst ein paar Schritte gegangen. So haben wir es auch bei unserem Sohn mit dem Lesen lernen erlebt. Nach jahrelangem Vorlesen – und keine Leselernstunden – hat er irgendwann einfach mal selbst nach einem Buch gegriffen und angefangen zu lesen.
  • Deschooling ist eine Reise zu sich selbst und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: was habe ich für Glaubenssätze und woher kommen sie?
    Mein Kind muß mit 7 Jahren lesen und schreiben können.
    Mein Kind kann nicht den ganzen Tag spielen, sondern es soll auch mal was lernen.
    Kinder brauchen Prüfungen und Noten, um sich im Leben orientieren zu können.
    Leistung ist wichtig im Leben; Bewertung und Belohnungen gehören einfach dazu.
    Kinder müssen auf das Leben vorbereitet werden.
    Warum eigentlich?

Wie sieht bei Dir Deschooling aus? Ich freue mich sehr auf Dein Kommentar.

***

¹ freilern-blog.de – Warum „Ich kann meine Kinder nicht freilernen lassen“ Quatsch ist

² Peter Gray – Buch Befreit Lernen und Blog Freedom to Learn (Englisch), manche Blogartikel werden von Martin Wilke von SEELEDESCH ins Deutsche übersetzt.

³ Freilernen braucht Vielfalt Artikel von Nina Downer in die Freilerner Zeitschrift

4 Alfie Kohn – Buch Liebe und Eigenständigkeit – Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung und Artikel unter alfiekohn.org (Englisch) oder auf Deutsch bei Arbor Verlag.

5 André Stern – Buch Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben

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