Kinder brauchen keine Noten, Zeugnisse, Berichte & Co. – aus der Perspektive eines Grundschülers

Endlich Sommerferien! In den letzten Tagen ein Ausdruck der Erleichterung vieler Schüler_Innen, Lehrer_Innen und Eltern. Das Schuljahr ist geschafft, die Zeugnisse erstellt und verteilt.

Die Erkenntnis, dass Noten und unerbetene Bewertungen nicht förderlich und das Selbst(wert)gefühl von jungen Menschen schaden können, ist nichts Neues und wird seit vielen Jahren diskutiert.¹

In vielen alternativen Schulen gibt es keine Noten. Stattdessen werden Alternativen wie Entwicklungs- oder Erfahrungsberichte für die Schüler_Innen zusammengestellt, mit “bewertungsfreien” Tätigkeitsbeschreibungen und Bildern aus dem Schuljahr.

Ich kam mit einem Grundschüler ins Gespräch, der einen solchen Bericht bekommen hatte. Unser Gespräch wurde zu einem Schreibprojekt, das ich hier mit seiner Zustimmung veröffentlichen darf, weil er möchte, dass Erwachsene Kinder besser verstehen.

Ich finde, er hat wirklich etwas Wichtiges zu sagen.

***

Lieber V.,

am Sonntag haben wir Dich besucht, um Deinen Geburtstag zu feiern. Ich hatte mich sehr gefreut, weil jetzt auch Sommerferien sind und ich nicht mehr morgens früh aufstehen muss, was ich gar nicht mag.

Als wir ankamen, fragtest Du mich als Erstes, welche Noten ich im Zeugnis bekommen hatte. Ich sagte Dir, dass wir in unserer Schule keine Noten bekommen, also nur die Kinder in der 10. Klasse, wenn sie einen Abschluss machen.

Du sagtest mir, das sei aber Pech. Du wolltest mir Geld schenken, wenn ich gute Noten bekommen hätte. Ich wusste nicht, was ich Dir sagen sollte. Über ein Geldgeschenk hätte ich mich aber schon gefreut.

Wenn Du willst, kann ich Dir aber von meiner Präsentation erzählen. Zum Ende dieses Schuljahrs konnte ich eine Präsentation machen. Am Anfang wollte ich keine machen und schon gar nicht vor der ganzen Schule. Dann haben mein Freund und ich gemeinsam ein Thema überlegt und zusammen daran gearbeitet.

Am Tag meiner Präsentation fragte mich meine Lernbegleiterin, wen ich zu meiner Präsentation einladen wollte. Dann entschied ich mich spontan dazu, die ganze Schule einzuladen. Stell Dir vor, es kamen dann wirklich 30 Leute! Am Ende fragte mich meine Lernbegleiterin, ob ich mir von allen Feedback wünschte. Ich sagte “nein”. Weißt Du, alle sagen so was wie “das war gut” oder “es hat mir gefallen”. Das war mir nicht wichtig. Ich habe mich gut gefühlt, die Präsentation doch gemacht zu haben.

In meiner Berichtmappe gibt es einen Bericht über die Projektwoche. Eine Lernbegleiterin hat einfach beschrieben, was meine Freunde und ich in der Woche gemacht hatten. Das finde ich schön.

Eigentlich mag ich es aber nicht, wenn jemand etwas über mich sagt oder schreibt, insbesondere ohne mich zu fragen. In meinem Bericht steht “Du bist…” oder “Du brauchst…”. Ich frage mich, wer das alles weiß. Ich finde nicht, dass ich so bin und weiß nicht, ob ich das brauche.

Meine Mama fragte mich, ob es nicht schön ist, so ein Bericht zu haben, als Erinnerung an das Schuljahr? Papa findet es schön, zu lesen, was ich im letzten Schuljahr alles gemacht habe. Dabei erzähle ich ihnen schon immer von den Sachen, die ich erzählen will. Im Bericht ist es auch so, dass manche Sachen anders drin stehen, als ich in Erinnerung habe. Und manches, was mir wichtig war, steht gar nicht drin. Ausserhalb der Schule mache ich auch ganz viele Sachen.

Na ja, ich denke, diese Berichte sind eigentlich für die Eltern und für andere Erwachsene, die wissen wollen, was in meiner Schule alles im letzten Schuljahr passiert ist. Mir ist er nicht so wichtig. Ich weiß, was ich alles gemacht habe. Ich weiß auch, wie ich bin. Und wenn ich was brauche, kann ich jemanden fragen.

Obwohl das mich schon ein bisschen nervös macht. In meinem Bericht stand, dass ich fragen soll, wenn ich Hilfe brauche. Wenn ich dann aber nichts frage, weil ich nichts brauche oder nicht weiß, was ich fragen soll, was denken sie dann?

Dein K.

***

Bekommen Deine Kinder Zeugnisse oder Berichte? Was denken sie darüber?

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¹ Hier sind ein paar Quellen, die dazu anregen, sich mit dem Thema Noten, Zeugnisse, Berichte und Co. auseinanderzusetzen:

K.R.Ä.T.Z.Ä – Schulnoten abschaffen

Peter Gray: Unerbetene Bewertung ist der Feind von Kreativität

Spiegel.de – Sollten Schulen auf Noten verzichten?

der Kinderarztblog – Schule ohne Noten ist die Zukunft – Teil 1

der Kinderarztblog – Schule ohne Noten ist die Zukunft – Teil 2

Auch das Buch Liebe und Eigenständigkeit: Die Kunst bedingungsloser Elternschaft, jenseits von Belohnung und Bestrafung von Alfie Kohn kann ich sehr empfehlen.

***

Bild von pixabay.com

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3 Kommentare zu „Kinder brauchen keine Noten, Zeugnisse, Berichte & Co. – aus der Perspektive eines Grundschülers

  1. Tja, meine Tochter hat auch schon zwei solche Berichte als Zeugnisersatz aus der Schule mitbekommen. Ich habe sie noch nicht gesehen. Nach ihrer Aussage sind sie aber doch recht zeugnisähnlich, weil verschiedenen Fächern Attribute wie „tigerstark“ gegeben werden. Zum einen würde ich schon ganz gerne wissen, welche Form dieses Zeugnis hat, zum anderen möchte ich dem Papier nicht mehr Bedeutung geben, als ihm zusteht. Also soll ich mir den Zettel nun zeigen lassen oder nicht? Na jedenfalls war das Bedürfnis meiner Tochter, mir den Zettel zu zeigen, noch nicht so groß, dass sie es selber getan hat. Wahrscheinlich belasse ich es einfach dabei.

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    1. Lieber Henning, danke für dein Kommentar und für deine Gedanken! Ich wünsche mir, Kinder hätten die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob sie eine Rückmeldung möchten. LG Karen

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      1. Was ist also weiter passiert? Die Lehrerin hat meiner Tochter das Zeugnis wieder mit nach Hause gegeben, weil nur die Mama unterschrieben hatte und ich nicht. Also habe ich meine Tochter gefragt, ob ich das Zeugnis lesen soll, bevor ich es unterschreibe, oder nicht. Natürlich soll ich es lesen, meinte sie. Auch laut? Ja! Also habe ich es ihr vorgelesen und dann unterschrieben.
        Innerlich habe ich immer den Kopf darüber geschüttelt, was der Lehrerin wichtig ist und was sie für Maßstäbe anlegt. Ich erfahre, dass sich meine Tochter sicher im Zahlenraum bis 20 bewegt. Meine Güte, das hat sie schon vor Schuleintritt. Und sie führe im Gestaltenunterricht Bastelarbeiten korrekt aus. Wenn die wüssten, was meine Tochter ganz ohne Vorgabe aus alten Pizzapappen zaubert.

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