Siehst Du mich? – mit Empathie die Welt verändern

Kennst du das Gefühl, unsichtbar zu sein?

Du bist ein junges Mädchen, das alleine auf der Straße steht, und alle gehen einfach an dich vorbei. Du stehst vor einem Regal im Supermarkt und wirst ohne Worte durch einen Einkaufswagen zur Seite geschoben. Oder du hälst jemandem die Tür auf und er_sie geht einfach durch, ohne dich mal anzuschauen. Dir sagt jemand, wann du essen, wann du ins Bett und wann du aufstehen mußt. Der Ablauf deines Tages ist vorgeplant; keine(r) fragt dich, wie du deinen Tag eigentlich verbringen möchtest.

Wie fühlt sich das an?

Vor zwei Wochen in meinem Heimatland Großbritannien wurde eine junge Frau, Mutter zwei kleiner Kinder und demokratisch gewählte Parlamentsabgeordnete mittags auf der Straße tödlich erschossen und erstochen. Ich kannte Jo Cox nicht persönlich, aber sie war knapp 2 Jahre älter als ich, wir haben zur gleichen Zeit die gleiche Uni besucht und sie war wie ich eine Mama kleiner Kinder. Ihr Leben lang hatte sie sich für andere Menschen in Not eingesetzt. Sie glaubte fest an das Miteinander und an die Liebe, um eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens zu schaffen.

Jo Cox wurde auf dieser unfassbar tragischen Weise ermordet, während die Debatte um die EU-Abstimmung in Großbritannien zugespitzt ihr Endstadion erreichte. Eine bittere Debatte, bei der in den Wochen vor der Abstimmung eine Rhetorik der Angst und des Hasses gegenüber dem Anderen immer mehr in den Vordergrund gerückt war. Dann hat Großbritannien tatsächlich – wenn auch mit kleinster Mehrheit – dafür abgestimmt, aus der EU auszutreten und damit dem großen europäischen Projekt, das in seinen Wurzeln seit 70 Jahren für Frieden in Europa steht, den Rücken zu kehren. Während die Realität eines Austritts klar wird, steht Großbritannien unter Schock, die Menschen im Vereinigten Königreich auf einmal von oben nach unten und quer durch die Mitte geteilt, unter den Scherben eines zerrüttenden Referendums. Die Meldungen von Gewalt in Großbritannien seit der Brexit-Abstimmung sind entsetzlich. Eine britische Zeitung berichtet von einer “Welle des Hasses”. Als Britin und selbst langjährige EU-Migrantin bin ich über diese Gewalt fassungslos.

Aus der Welt wird täglich von Anschlägen auf Menschen berichtet: im nahen und mittleren Osten, in Europa, in Orlando, zuletzt hier nachmittags im Kino in einer Nachbarstadt. Diese Gewaltakte, der Mord an Jo Cox, die zerstörerische Debatte und nun fremdenfeindliche Gewalt in Großbritannien, die Tatsache, dass Menschen in Not auf der Flucht aus Kriegsgebieten verurteilt werden, dass Woche für Woche Menschen dabei ums Leben kommen, die Rhetorik heutiger populistischer Politiker, zeigen eine zunehmende Stimmung der Unsicherheit, der Ausgrenzung und der MenschenfeindlichkeitMenschen werden zunehmend zu Objekten gemacht.

Als Britin seit fast 20 Jahren in Deutschland, hat auch für mich die Abstimmung für das Brexit Identitätsfragen aufgeworfen: Bin ich (noch) Britin? Könnte ich Deutsche sein? Am meisten wäre ich einfach gerne Mensch, der in der Welt zu Hause ist.

Auch Kinder werden zum Objekt von Erziehungsberechtigten. Erziehungsberechtigte haben oft eine Vorstellung, wie Kinder zu leben haben, ein Schema, in das ein Kind passen sollte. Wer nicht in das Schema reinpasst, wird – mit Erziehungsgewalt – passend gemacht. Der Begriff Erziehungsberechtigte(r) sagt viel darüber aus, wie selbstverständlich die Fremdbestimmung, die Ausübung von Macht über einen anderen in unserer Gesellschaft ist.

Mir fällt nicht selten auf, wie in Bezug auf das Leben mit Kindern eine „Kriegssprache“ verwendet wird. Als Mama dreier kleiner lebhafter Kinder wurde mir immer mal wieder geraten, „standfest“ zu bleiben, meine Grenzen zu verteidigen, nicht zu „kapitulieren“. Sonst müßte ich „Machtkämpfe“ führen, wenn es darum ginge, das Familienleben zu organisieren.

Auch wenn die meisten körperliche Gewalt verurteilen, sieht es mit der Fremdbestimmung, Sprache, „Wenn…dann“, Konsequenzen (aka Strafen), oder verweigerter Hilfestellung, anders aus.

Gewalt ist kein fruchtbarer Boden für das Wachsen oder Lernen

Wer Gewalt erlebt, ist nicht frei, sondern dem Willen eines anderen ausgesetzt. Wer Gewalt erlebt, bemüht sich an erster Stelle ums Überleben, um sich selbst zu retten. Es wird alles gemacht, entweder um Konflikte zu vermeiden, oder Konflikte werden gewaltvoll geführt und am Ende gibt es nur Gewinner oder Verlierer, was eigentlich einen derben Verlust für alle Beteiligten bedeutet.

Wenn Toleranz, Achtung und Gleichberechtigung Grundlagen des Familienlebens sind, dann schaffen sie damit auch die Werte, auf denen Gesellschaften, Nationen und die Welt aufbauen.

Kofi Annan

Mein bisheriges Leben fundiert auf Neugier und meinen Leidenschaften für andere Sprachen, Kulturen und für das Reisen. Ich hatte Glück und konnte als junge Erwachsene viel von der Welt sehen. Das wünsche ich mir weiter – für mich selbst und auch für zukünftige Generationen. Denn ich bin fest davon überzeugt, sehen führt zu verstehen (wenn auch nicht immer zum Verständnis).

Jo Cox konnte Menschen sehen. Sie hat hingeschaut und Menschen, ohne Erwartungen oder Vorurteile, in ihrer Vielfältigkeit und in ihrer Gemeinsamkeit, in ihrer Not und in ihren Bedürfnissen einfach gesehen. Egal ob sie aus einem Kriegsgebiet geflüchtet waren oder ob sie sich als Bürger um Einwanderung sorgten.

Sehen und gesehen werden führen zur Beziehung und zur Empathie

Wir Menschen sind soziale Wesen, wir sehnen uns nach Bindung und Beziehung zu anderen. Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir nicht in der Lage, alleine zu überleben, wir sind abhängig, unsere Bindung zu anderen ist für uns lebensnotwendig.

Diese Bindung und die Beziehungen zu anderen als existentielles Bedürfnis sind etwas, was uns ein Leben lang prägt. Wir suchen uns Freunde, einen Partner, gründen eine Familie, spielen Mannschaftssport, arbeiten in Teams. Wir erfahren, dass wir in Verbindung miteinander, in authentischen Beziehungen, voneinander lernen und gemeinsam wachsen können. Um die globalen Herausforderungen unserer heutigen Welt zu bewältigen, ist Kooperation unverzichtbar. Kein Land kann weder den Klimawandel noch die Ausbreitung von Gewalt alleine abwenden.

Wenn Beziehung und Liebe existentielle menschliche Bedürfnisse sind, unerlässlich für das Überleben, Lernen und Wachsen, warum leben wir nicht in Frieden?

Warum beurteilen wir, grenzen aus, suchen Trennung statt Verbindung? Konflikte (und auch Trennungen) sind nicht auszuschliessen. Sie sind notwendig und gehören zu gesunden Beziehungen dazu. „Verstehen heißt nicht Verständnis haben“¹ aber Konflikte  (und Trennungen) können auch in Frieden geführt werden, wenn wir uns achtsam begegnen, wenn wir einander sehen und voneinander gesehen werden.

Wenn wir im (Familien)alltag, in Schulen, bei der Arbeit uns nur noch mit Verhalten, Grenzen, Beurteilungen beschäftigen, Rollen ausüben, uns anhand dieser Rollen definieren und zu Objekten machen lassen, begegnen wir uns nicht mehr als die Menschen, die wir wirklich sind, und lassen so keine Empathie entwickeln.

 

“Aggressive Gefühle sind ein Schutzmechanismus, der unsere Verwundbarkeit überdeckt” – Jesper Juul

Gerade jemand, der „nicht hört“, „sich nicht an die Regeln halten kann“, „aggressiv“ ist, „undankbar“, „unhöflich“, … – alles, wobei wir dazu neigen, schnell ein bestimmtes Verhalten zu verurteilen ohne nach dem Bedürfnis hinter dem Verhalten zu schauen – sehnt sich danach, gesehen zu werden. Wer sich mit großen Gefühlen offenbart, schreit wortwörtlich davor, gesehen zu werden.

Wer nicht still sitzen kann², sehnt sich danach, gesehen zu werden.

Wer „nicht hört”, will gesehen werden, mit Neugier begegnet werden, um herauszufinden, was sie wirklich braucht.

Wer den Fußball gegen den Birnenbaum schießt, will gesehen werden, dass er Fußball spielen will, aber dass der Garten dafür womöglich zu klein ist.

Einer, die zu spät in die Schule kommt, hilft keine Abmahnung, wenn dabei ihre eventuelle Not bzw. ihr Bedürfnis übersehen wird.

Wer heimlich Süssigkeiten klaut und versteckt, hat Beweggründe, unerfüllte Bedürfnisse, oder sehnt sich vielleicht einfach nach Abenteuer, nach dem schönen Gefühl des Kribbeln im Bauch.

Hinter jedem Verhalten befindet sich ein Mensch, in Not oder mit Bedürfnissen, der einfach gesehen werden will.

Und in dem Moment, in dem der Mensch gesehen wird, sich angenommen fühlt, so wie er ist, können seine Bedürfnisse klarer werden, diese können adressiert werden, und er kann zum Partner in einer Beziehung werden – statt zum Gegner.

“Schau mal!”, “Ich will Dir was zeigen”, “Siehst Du, was ich mache?”

Wie oft habe ich diese Worte gehört :-). Unsere Kinder wollen einfach gesehen werden!

„Ja, ich sehe Dich“ – so, wie Du bist, frei von Bewertung, authentisch, neugierig.

Wer von klein auf gesehen wird, fühlt sich in seiner Eigenheit angenommen und wertgeschätzt. Dieser Mensch erkennt seinen Wert als Teil der Gruppe oder Gesellschaft und hat mit intaktem Selbstwertgefühl auch für andere Empathie.

Das alles hat für mich mit Lernen und Familienleben zu tun, weil ich glaube, wir können ohne Gewalt, in Beziehung miteinander, achtsam und mit Empathie gemeinsam gegen diese Stimmung der Menschenfeindlichkeit wachsen und wirken. Als Eltern und Begleiter_Innen haben wir eine Chance – eine Verantwortung! – uns für das Miteinander, für die Liebe, für die Empathie und für die Menschlichkeit zu entscheiden, in Beziehung zu gehen statt auszugrenzen, und das in unseren Familien, Schulen, Arbeitsplätzen und Gesellschaften (vor) zu leben.

Frieden ist eine grundsätzliche Lebenshaltung, die uns, wenn wir ehrlich sind, nicht immer leicht fällt. Viel zu oft denken wir doch, wir müssten Recht behalten oder bekommen, oder uns durchsetzen oder uns oder unsere Überzeugungen und unseren Glauben verteidigen.

Das ist menschlich. Aber an diesen Anknüpfungspunkten, werden die Menschen immer wieder festgezurrt, gegen andere aufgehetzt und bringen sich selbst in einen Zustand des Unfriedens oder gar des Hasses. Es gibt keinen Weg da heraus, nur eine Entscheidung anders zu sein.

Gerd Ziegler – Vom Traum zum Ziel

“Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.” – Mahatma Gandhi

Jo Cox’s Ehemann sagte kurz nach ihrem Tod: „Jo würde sich nun zwei Dinge wünschen: dass ihre Kinder in Liebe umhüllt werden und dass wir vereint gegen den Haß vorgehen, der sie getötet hat.“ Avaaz.org³ hat daraufhin aufgerufen, Jo’s Botschaft der Liebe in die Welt weiter hinaus zu tragen.

Während wir dabei sind, unsere Vielfältigkeit zu feiern, was mich immer wieder überrascht…ist, dass uns viel mehr verbindet, wir viel mehr miteinander gemeinsam haben, als Dinge, die uns teilen.

Jo Cox – frei übersetzt

Ich bin dabei. Du auch? Lass uns hinsehen, lass uns vorleben, damit jede(r) wieder sichtbar wird. An erster Stelle in uns und in unseren Familien. Gegen die Welle des Hasses und die Angst. Gegen Gewalt. Für eine Welt der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens. Damit wir zusammen leben und gemeinsam voneinander lernen können.  Weil wir alle Menschen sind.

***

¹ Frank und Gundi Gaschler – Ich will verstehen, was du wirklich brauchst (ihr Buch zur gewaltfreien Kommunikation mit Kindern)
² beatriceluehrig.de – Kannst Du nicht mal fünf Minuten still sitzen?!
³ Avaaz.org – Jo Cox: We will fight for love

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