Beziehung ist alles! – Erste Hilfe wenn der Lerndruck droht und wir uns ohnmächtig fühlen

In meinem letzten Beitrag Die Freiheit, sich zu verpflichten, habe ich davon erzählt, wie eine Familie unter Schul- und Lerndruck litt, wie sie diesem quasi wie ohnmächtig ausgesetzt war, das Lernen nur noch als Pflicht wahrnahm. Ich habe beschrieben, warum für mich hingegen die Freiwilligkeit für das Lernen essenziell ist.

Eure Kommentare und unsere Gespräche haben mich weiter nachdenklich gemacht. Was ist, wenn es uns und unseren Kindern so geht? Was können wir tun, um dagegen zu steuern? Wie können wir für mehr Entlastung und Selbstbestimmung sorgen?

Immer mehr Familien suchen oder gründen eine Freie Schule, die auf Selbstbestimmung und Freiwilligkeit basiert. Inzwischen kehren einige auch der Schule ganz den Rücken, gehen ins Ausland, um dort ohne Schulpflicht freizulernen. Andere möchten diese Wege nicht gehen oder es ist ihnen nicht möglich.

Wenn Kinder in der Schule unter Druck und Zwang leiden, gibt es, finde ich, dennoch ein paar Dinge, die wir tun können, um unsere Kinder und uns als Familie zu entlasten.

Ich hatte auf den Artikel von Lena Busch von Freilern-Blog.de verwiesen, in dem sie wunderbar darstellt, warum alle die Möglichkeit haben, frei zu lernen¹, innerhalb und ausserhalb der Schule. Freilernen ist eine Haltung:

Freilernen ist, zu akzeptieren, dass Lernen und Wissen und Bildung für mein Kind oder jeden anderen Menschen anders aussehen können als für mich.
Freilernen ist, dem Lernenden seine Herangehensweise an Themen zu lassen.
Freilernen ist, nichts „beibringen“ zu wollen.
Freilernen ist, ohne „pädagogischen Anspruch“ und ohne „aber es wäre doch besser…“ an Dinge heranzugehen.
Freilernen ist frei von Zielen der Eltern oder anderer Personen außer dem Freilernenden selbst.

Lena Busch – Freilern-Blog.de

In Beziehung gehen

Wenn wir in authentischen Beziehungen zueinander stehen, haben unsere Bedürfnisse einen Platz und wir können gesehen werden.

Als Begleiter_innen unserer Kinder haben wir die Chance, in Beziehung zu gehen, und im Rahmen unserer Möglichkeiten, für weniger Druck und für mehr Entlastung zu sorgen.

  1. Verantwortung übernehmen und uns auf die Seite der Kinder stellen:
    Kinder sind von uns abhängig, haben Schulpflicht und sind nicht per se freiwillig in der Schule. Als Erwachsene – Eltern, Lehrer_innen, Erzieher_innen, Begleiter_innen – tragen wir die Verantwortung für die Umgebung und für das Klima, in dem (unsere) Kinder aufwachsen und lernen.
    Als Erwachsene tragen wir auch die Verantwortung für die Beziehungsqualität zu (unseren) Kindern. Ich sehe es als unsere Aufgabe als Erwachsene, uns mit den Rahmenbedingungen und Klima der Schule auseinanderzusetzen und unseren Kindern in ihrem Abhängigkeitsverhältnis zur Seite zu stehen und nicht für das, was wir Erwachsene nicht besser können, verantwortlich zu machen.
  2. Uns gegenseitig als gleichwürdige Menschen authentisch sehen und begegnen: Wir können hinschauen und fragen, wie es jemanden geht, was er_sie gerade beschäftigt, Gefühlsausdrücke wahrnehmen und anerkennen.
    Wir können von uns erzählen, uns als Menschen mit Interessen, Bedürfnissen und Gefühlen zeigen statt nur “Pflichtausübende”. Vielleicht finden wir Gemeinsames ausserhalb der Pflicht und der Rollen, die uns normalerweise leiten.
    Wir können uns gegenseitig Verständnis und Halt für diese Rollen schenken. Eltern und Lehrer_innen kennen gemeinsam das Gefühl von Überforderung. Wenn wir uns gegenseitig wohlwollend, anerkennend und wertschätzend begegnen, so wie wir das für (unsere) Kinder wünschen, können sich neue gemeinsame Wege öffnen.
  3. Erwartungen mal beiseite legen und stattdessen Bedürfnisse erkennen und zulassen:
    Wir können die Bedürfnisse der anderen wahrnehmen und zulassen, ein Klima schaffen, in dem Verständnis dafür da ist, dass Menschen Bedürfnisse haben (Essen, Trinken, Bewegung, Schlaf, Verbundenheit, sich wertvoll fühlen, freie Zeit für sich, für Interessen, für Familie und Freunde), dass Erwartungen zu Druck und Stress führen können.
    Können wir es ermöglichen, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden? Wir können uns als Menschen mit eigenen Bedürfnissen zeigen.
    Ich finde, diese Geschichte von Beatrice Lührig über einen Jungen, der nicht still sitzen kann², zeigt diese Bedürfnisse ganz deutlich, und wie wichtig es ist, dass wir genau hinschauen und versuchen uns wirklich zu sehen, denn hinter dem, was wir auf den ersten Blick sehen, befinden sich unsere wahren Bedürfnisse getarnt.
  4. Perspektive schaffen, Selbstwertgefühl stärken:
    Wir können loslassen. Wenn einmal keine Lust auf Schule ist, die Hausaufgaben nicht gemacht, die Noten schlecht, ist es nicht das A und O und bestimmt nicht letztendlich, wer wir sind oder dass wir leben.
    Alle haben heute die Möglichkeiten und die Fähigkeiten, ein Leben lang zu lernen. Das Leben ist lang genug, um alles zu lernen, was wir brauchen, die Kindheit dagegen viel zu kurz, um es nur mit Druck und Zwang zu (er)leben.
  5. Kontakt mit anderen Begleiter_innen, Engagement in der Schule:
    Wir können als Eltern Kontakt zu Lehrer_innen oder Lernbegleiter_innen, anderen (Freilern-) Eltern suchen und pflegen, damit wir ins Gespräch kommen und bleiben.
    Als Eltern können wir uns in der Schule engagieren. Vielleicht gibt es durch eine Zusammenarbeit mit Lehrer_innen bzw. Lernbegleiter_innen die Möglichkeit, Freiräume für Bedürfnisse, entlastende Tätigkeiten, Selbstbestimmung zu schaffen.
  6. Raum und Zeit für Rückzug und Selbstbestimmtes schaffen:
    Wir Eltern können uns wegbewegen vom Termin- und Freizeitstress am Nachmittag und die Bedürfnisse und Interessen unserer Kinder wahrnehmen und berücksichtigen, ihnen die Zeit freihalten, um für sich zu sein, um zu spielen.
    Wer am Vormittag stets mit anderen zusammen war, sich stets den Anweisungen eines Anderen unterziehen mußte, braucht gegebenenfalls nachmittags Auszeit und Ruhe, Zeit sich zu erholen, für sich, die Möglichkeit, frei und autonom zu handeln.
    Auch in der Freien Schule, in der Kinder selbst und freiwillig ihre Tätigkeiten auszusuchen, sind sie auch damit beschäftigt, sich selbst zu organisieren, ihr Tun im Einklang mit anderen selbst zu bestimmen. Auch wenn dies selbstbestimmt geschieht, brauchen auch diese Kinder gegebenenfalls nachmittags Zeit für sich. Wir können uns für gemeinsame Sachen zur Verfügung stellen, Wünsche und Interessen wahrnehmen und gegebenenfalls begleiten.
  7. Last but not least – und eigentlich das, was bei all diesen Überlegungen die Basis ist: Vertrauen.
    Vertrauen in (unseren) Kindern, dass sie lernen und ihren Weg finden und gehen werden, dass sie nicht etwas gegen uns machen wollen, sondern für sich. Wenn wir in unserer Haltung konsistent bleiben, uns stets auf die Seite unserer Kinder stellen und dieser Haltung mit ganz viel Wissen belegen, können wir unsere Kinder in ihrer Integrität, Würde und Lernlust sehr bestärken.

Was gehört noch auf dieser Liste? Was siehst Du für Möglichkeiten, den Schul- und Lerndruck entgegenzuwirken? Wie sorgst Du für mehr Entlastung und Selbstbestimmung im Familienalltag? 

Ich freue mich auf Dein Kommentar.

***

¹ freilern-blog.de – Warum „Ich kann meine Kinder nicht freilernen lassen“ Quatsch ist
² beatriceluehrig.de – Kannst Du nicht mal fünf Minuten still sitzen?!

***

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6 Kommentare zu „Beziehung ist alles! – Erste Hilfe wenn der Lerndruck droht und wir uns ohnmächtig fühlen

  1. Schöner Artikel, danke dafür. Mir erscheint es hilfreich, dass Mutter/Vater mehr Klarheit über ihren eignen Standpunkt finden, sowie Klarheit darüber, was sie selbst leben können und was nicht, um dann kleine Schrittchen in die ‚eigne‘ Richtung zu gehen. LG Uta

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    1. Danke Uta für deine Ergänzung, die ich sehr wertvoll und notwendig finde ❤️. An welcher Stelle (oder Stellen) hälst du es in einer solchen Geschichte für besonders wichtig? Die Frage ist für mich auch, wie schaffen wir uns diese notwendige Klarheit? Danke und LG

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      1. Wesentlich ist für mich, mich in meiner ureigenen Art damit beschäftigen zu können und achtsam und langsam ‚meins‘ darin zu entdecken. Ich erlebe so viel Druck und Stress, gerade in ‚Kinderdingen‘ alles richtig zu machen und gut zu performen….Dein Artikel lässt Raum dafür…hat mir einfach gefallen…LG Uta

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  2. Hi Karen, unsere Tochter hatte heute den letzten Schultag der 2. Klasse vor den Sommerferien. Normale Grundschule. Mathe liebt sie, Deutsch findet sie doof – Da habe ich schon manchmal etwas Sorge, dass dieses Negative bleibt.
    Zum Glück hatte ich kürzlich mit einer befreundeten Gymnasial-Deutschlehrerin eine lange Unterhaltung über Deutsch als Schulfach. Ich fand es toll, welchen Ansatz sie hat, und hoffe, sie kann damit viele Schülerinnen und Schüler der „normalen“ Schulen prägen: Deutsch umgibt uns, jeden Tag, jede Stunde, nutzen wir unsere Sprache, nach außen in verbaler Kommunikation, aber auch innen beim Denken. Deutsch ist schon da, wir müssen es nicht pauken, wir haben es schon längst in uns. Der Deutsch-Unterricht in der Schule erkundet mit uns lediglich das, was ohnehin schon da ist. Das zu hören hatte für mich etwas sehr Befreiendes, Erleichterndes. Irgendwie war der Druck plötzlich weg, das tat gut.
    Genau dieses Druck-Rausnehmen ist auch das, was du vermittelst: „Freilernen ist, nichts ‚beibringen‘ zu wollen.“ Stattdessen unserer Neugier zu folgen und zu entdecken, uns und die Welt zu erkunden. Ich danke dir für deine Anstöße zum Nachdenken 🙂 Viele Grüße, Kerstin (… aus der B.U.)

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    1. Liebe Kerstin, danke für deine Geschichte. Die berührt mich sehr! Lernen findet für mich überall und zu jeder Zeit im Leben statt. Wie schön das ist :-D. Wenn etwas für mich sinnvoll ist, lerne ich es auch. Auch Mathe sehe ich täglich bei uns, heute vor allem in der Eisdiele ;-), aber auch beim Austeilen, Höhlenbau oder Backen. Interessant finde ich dabei, wie der Blick auch auf andere Dinge erweitert wird, auf das, was täglich gelernt wird, was aber in kein Schulfach passt. Es findet so viel Lernen im Leben statt, das oft gar nicht wahrgenommen wird, weil es ausserhalb der Schule bzw. Schulfächer stattfindet. Von Lehren zum Lernen. Das Leben bietet so viele Möglichkeiten! Das Zitat in deinem Kommentar ist übrigens von Lena Busch, freilern-blog.de, den ich dir sehr empfehle. LG und bis bald in der B.U. (bei deinem Blog wollte ich auch gerne vorbeischauen :-))

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