Die Freiheit, sich zu verpflichten (oder auch nicht) – fünf Gründe warum Freiwilligkeit für das Lernen essenziell ist

Neulich im Eiscafé unterhielt sich eine Familie über die Schule. Konkret ging es um Hausaufgaben. Ein Junge (ca. 6 Jahre) konnte einfach nicht verstehen, warum seine große Schwester (ca. 15 Jahre) die ganze Nacht durch Hausaufgaben machen mußte, wenn sie doch dann viel zu müde wäre, um nach dem Eiscafé mit ihm eine Fahrradtour zu machen. Er – und sie – hätten sich doch so darauf gefreut. Seine Schwester hat die Schultern hochgezogen, sagte nichts und hat sich zum Eis einen Kaffee bestellt. Die Mama hat mit Sorgfalt versucht, den Jungen mit einer Erklärung zu trösten:

“Alle müssen Hausaufgaben machen. Keine(r) lernt freiwillig. Irgendwann wirst Du das auch machen müssen.”

Ich konnte dieses Gespräch nicht aus dem Kopf bekommen. Es kam mir vor, als ob sie alle einem unvermeidbaren Schicksal ausgeliefert waren: die Schwester, die erschöpft und resigniert eine ganze Nacht lang Hausaufgaben machte; der jüngere Bruder, der sich um seine Schwester und ihren gemeinsamen Spaß sorgte, noch frei und voller Lebensfreude, noch ohne Ahnung, was auf ihn zukommen würde; die Mama, die das Lernen nur noch als Pflicht, Weg zum Ziel, etwas wo man “durch muß” sah und auch nur so weitergeben konnte.

Lernen für das Leben als Pflicht, ohne Begeisterung und Sinn?

Eigentlich kann ich die Äußerung der Mama nachvollziehen: das heutige Schulsystem basiert nicht darauf, dass jemand etwas freiwillig lernt. Aus dem Gespräch konnte ich noch mitnehmen, wieviel Stoff das Mädchen lernen sollte, wieviel Druck auf ihr war, die Arbeit rechtzeitig abzuliefern, die Klausur zu schreiben, und dann auch noch mit guten Noten. Es gab für sie überhaupt keinen Raum und auch keine Zeit dafür, sich zu überlegen, wofür sie sich interessierte und diesem dann aus freiem Willen nachzugehen. 

Wahres Lernen findet aber nur freiwillig statt!

Dabei können wahre Lernprozesse nur dann stattfinden, wenn wir uns für etwas begeistern und die Freiheit haben, diesem Interesse nachzugehen.

Hier sind meine fünf Gründe warum die Freiwilligkeit für das Lernen so essenziell ist.

1. Wahres, nachhaltiges Lernen braucht Begeisterung und Sinn:
Wenn etwas gelernt werden muß, um zum Beispiel “durch die Schule zu kommen”, wenn ich weder ein Nutzen noch Interesse an dem Wissen bzw. Können habe, hat das Gelernte nur eine oberflächliche Qualität, es entwickelt sich kein tiefes Verständnis und ist gegebenenfalls schnell wieder vergessen. Wenn ich mich aber freiwillig für etwas entscheide, weil es mich interessiert oder für mich sinnvoll ist, bin ich mit meinem ganzen Wesen dabei, das zu lernen. Das angeeignete Wissen bzw. Können sitzt tief und lässt sich mit Leichtigkeit wieder hervorrufen.

Das ist der Grund, warum wir bei all dem, was wir mit Begeisterung machen, auch so schnell immer besser werden. Jeder kleine Sturm der Begeisterung führt gewissermaßen dazu, dass im Hirn ein selbsterzeugtes Doping abläuft. So werden all jene Stoffe produziert, die für alle Wachstums- und Umbauprozesse von neuronalen Netzwerken gebraucht werden. So einfach ist das: Das Gehirn entwickelt sich so, wie und wofür es mit Begeisterung benutzt wird.

Gerald Hüther – Begeisterung

Wenn wir uns überlegen, wie wir und unsere Kinder alle ohne Zwang beispielsweise das Sprechen (auch mehr als eine Muttersprache) und das Laufen gelernt haben, ist diese Erkenntnis eigentlich selbstverständlich.

2. Wenn ich selbstbestimmt wählen kann, was ich tue, das, was ich lerne, ist für mich nachvollziehbar und entwickelt sich organisch:
Wenn ich mich freiwillig für eine Tätigkeit entscheiden kann, bin ich auch frei von den Erwartungen Anderer. Das was ich tue, tue ich nur für mich selbst. Ich werde weder bewertet noch ist es schlimm, wenn ich Fehler mache. Ich tue es, so lange ich will und ich bin frei, es auch wieder zu lassen und etwas Anderes zu tun. So findet lernen organisch statt. Eine Sache führt auf natürlicher Weise zur nächsten. Das Verständnis für die Zusammenhänge der Dinge baut sich durch Erfahrungen auf und wird nicht durch die Einteilung in Fächern oder Zeitpläne eingeschränkt oder gestört.

3. Ich lerne effektiv und mein Selbstwertgefühl wird gestärkt:
Wenn ich nicht meine Zeit mit Dingen beschäftigen muß, die mich nicht interessieren bzw. zu denen ich keinen Bezug habe, habe ich viel mehr Zeit, mich den Dingen zu widmen, die für mich einen Sinn haben und für die ich mich begeistere. Wenn ich die Chance habe, genau das zu tun, was nach meinem inneren Bauplan¹ gerade “dran ist”, umso intensiver und wertvoller wird mein Lernerlebnis. Wenn mir das Lernen leichter fällt und ich gleich die Wirksamkeit des Gelernten erkennen kann, wird mein Selbstwertgefühl gestärkt.

4. Ich kann für mich sorgen:
Wenn ich mich freiwillig für eine Tätigkeit entscheiden kann, habe ich die Möglichkeit, für mich zu sorgen. Zum Beispiel, habe ich genug geschlafen, habe ich Hunger, Durst, Bewegungsdrang? Ich kann jederzeit meine Tätigkeit unterbrechen, um für mich zu sorgen. Wahres Lernen kann nur dann stattfinden, wenn meine Bedürfnisse erfüllt sind.

5. Durch Freiwilligkeit „sich verpflichten“ lernen:
Eine Sorge, die wir oft haben, ist dass junge Menschen nicht lernen werden, “dran zu bleiben”, etwas zum Ende zu bringen oder Verpflichtungen ein- und nachzugehen. Dieser Sorge wird oft damit bedient, dass wir Kinder früh verpflichten wollen. Wenn ich aber die Freiheit habe, mich für etwas zu entscheiden, kann ich auch freiwillig eine Verpflichtung eingehen. Freiwilligkeit und Verpflichtung schließen sich nicht aus. André Stern² erzählt, wie er als Kind angefangen hat, sich einen Wecker zu stellen, damit er früh morgens aufstehen konnte, um Gitarre zu üben. Er ist in der Stadt aufgewachsen und früh morgens war nicht so viel Lärm, damit er sich und die Musik besser hören und sich konzentrieren konnte. Keine(r) hat ihm aufgezwungen, den Wecker zu stellen und früh aufzustehen, er hat sich das freiwillig vorgenommen, weil er ohne Lärm und in Ruhe Gitarre üben wollte.

Die grundlegendste Freiheit ist die Freiheit aufzuhören – Peter Gray³

Es stimmt schon, dass das Erwachsenenleben Verpflichtungen mit sich bringt, dennoch, wenn wir uns als Erwachsene verpflichten, verpflichten wir uns freiwillig. Wir studieren, gehen einer Arbeit nach, heiraten, kaufen ein Haus, gründen eine Familie.

Wir haben dabei ehrliche Absichten und meinen sie ernst. Doch es kommt vor, dass wir uns irgendwann anders entscheiden. Wir entscheiden uns, unsere Liebesbeziehung zu beenden, uns scheiden zu lassen, das Studium aufzugeben, eine andere Arbeit zu suchen, umzuziehen, das Haus wieder zu verkaufen. Und das dürfen wir. Wir haben die Freiheit, uns zu verpflichten und dann wieder aufzuhören.

Es ist nicht unbedingt einfach, „aufzuhören“, und solche Veränderungen im Leben sind nicht ohne Schmerzen, aber grundsätzlich, wenn wir merken, uns geht es nicht gut, steht es uns zu, aufzuhören.

Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muß, was er nicht will.

Jean-Jacques Rousseau

In Deutschland haben Kinder um die 13 Jahre Schulpflicht. Ein Kind hat nicht die Freiheit, seine Bildung für sich mit begleitenden Erwachsenen zu gestalten. Wenn ein Kind nicht in die Schule gehen will, werden diverse Defizite vermutet. Ein Kind, das nicht in die Schule gehen will, darf es nicht geben. Die grundlegendste Freiheit der Menschen – die Freiheit, sich für und vor allem gegen etwas zu entscheiden, die Freiheit, aufzuhören – wird unseren Kindern nicht gewährt.

Freiwilligkeit als Basis für Freies Lernen  

Wer dagegen frei lernen kann – und das kann auch jede(r)4 – hat die Möglichkeit, freiwillig und ohne Druck selbstgewählten Tätigkeiten nachzugehen und so sein Lernen und seine Bildung selbst zu steuern. Das Gelernte geht „unter die Haut“. Statt „lustlose Pflichterfüller5 zu erzeugen, bietet das freie Lernen die Chance zur wahren Potenzialentfaltung, was für jeden einzelnen und für die heutige und künftige Gesellschaft eine Bereicherung und unerlässlich ist.

In meinem nächsten Artikel überlege ich, was wir machen können, als Erste Hilfe, wenn der Lerndruck droht: Beziehung ist alles! –  Erste Hilfe wenn der Lerndruck droht und wir uns ohnmächtig fühlen

Welche Erfahrung hast Du mit Lernen und mit der Freiwilligkeit? Ich freue mich auf Dein Kommentar.

***

¹ Nach Maria Montessori
² André Stern – „…und ich war nie in der Schule“ – im Gespräch bei Deutschlandradio Kultur
³ Peter Gray – The Most Basic Freedom is the Freedom to Quit  (Artikel in Englisch), oder im Buch Befreit Lernen

4 freilern-blog.de – Warum „Ich kann meine Kinder nicht freilernen lassen“ Quatsch ist
Gerald Hüther – „Schule produziert lustlose Pflichterfüller

***

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3 Kommentare zu „Die Freiheit, sich zu verpflichten (oder auch nicht) – fünf Gründe warum Freiwilligkeit für das Lernen essenziell ist

  1. Hi Karen, wie war deine Worte doch sind!! Es macht mich immer sehr traurig die Lustlosigkeit meiner Kinder zu beobachten, wenn sie in die Schule gehen sollen. Ich wünsche mir sehr, dass diese Erkenntnisse über das freiwillige Lernen irgendwann auch im deutschen Schulsystem Einzug finden.
    Ich gebe die Hoffnung nicht auf, steter Tropfen höhlt den Stein.
    Hut ab für dein Engagement, weiter so!!
    Susanne

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Susanne, danke sehr <3. Ich denke, die Schule ist die eine Seite, unsere eigene Haltung dem Lernen gegenüber die andere ;-). Ich glaube wir als Begleitende haben eine Chance, ausserhalb der Schule mit einer anderen Haltung gegen den Zwang und ggf. Lustlosigkeit zu wirken. Für mich ist diese Haltung der Tropfen! Liebe Grüße, Karen

      Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für den schönen Artikel. Meine Kinder gehen in eine Aktive Schule, wo ihnen das freie Lernen möglich ist. Bei Andre Stern und dem Wecker stellen musste ich schmunzeln. Meine Tochter (10Jahre) hat sich heute den Wecker gestellt, um ganz früh in der Schule zu sein. Sie wollen ein Zimmer streichen und sie will von Anfang an dabei sein. Normaler Weise schlafen wir aus und machen dann gemütlich los. Ich sehe jeden Tag, dass Freiwilligkeit funktioniert und die Kinder voller Freude und Lust ihren Beschädigungen nachgehen. So sollte es in jeder Schule sein.

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