Lernen ist Kinderspiel…

…Kinderspiel ist Lernen!

Wer sich für das Thema Lernen interessiert, wird vielleicht auch in letzter Zeit aufgefallen sein, wie oft die Rede von “spielerischem Lernen” oder “spielbasiertem Lernen” und Ähnlichem ist. Hier liegt für mich ein großes Missverständnis vor.

Auf der einen Seite, zeigen diese Ansätze, dass wir doch als Gesellschaft etwas verstanden haben: dass das Spielen für Kinder wichtig ist und in der heutigen Zeit zu kurz kommt. Allerdings zeigen mir diese Begrifflichkeiten, dass wir immer noch den Zielen verfolgen, Kinder zu erziehen, zu lehren, ihr Lernen zu steuern, nach dem, was wir als Erwachsene für wichtig halten.

Es reicht nicht, unseren Kindern “Freispiel”-Zeiten anzubieten oder Lernangebote spielerisch zu gestalten. Spielen ist nicht etwas, was vor oder nach dem Lernen als Ausgleich notwendig ist, sondern Spielen ist gleich Lernen.

Für Kinder ist das Spielen die höchste Form vom Lernen

In seinem Buch Befreit Lernen, beschreibt der amerikanische Psychologe Peter Gray¹ fünf Eigenschaften des Kinderspiels:

  1. Selbstgesteuert und selbstbestimmt – ich wähle selbst aus, was, wann und mit wem ich spiele, und darf wieder aufhören zu spielen.
  2. Intrinsisch motiviert – also frei von Erwartungen und Zielen: ich spiele für mich selbst, nicht um irgendwelche Erwartungen anderer zu erfüllen. Ich spiele des Spielens wegen, und nicht um irgendein Ziel zu erreichen.
  3. Strukturiert und geregelt – oft sehen Erwachsene Kinderspiel als unstrukturiert, weil beim ersten Anblick das Spiel nicht unseren erwachsenen Vorstellungen von Ordnung entspricht oder wir das, was wir vor uns sehen, einfach nicht verstehen (und übrigens auch nicht verstehen müssen). Dabei organisieren sich Kinder im Spiel mit einer Struktur, z.B. Rollen, und Regeln, die allein von den Mitspielenden selbst ausgedacht und bestimmt werden.
  4. Fantasievoll – wenn Kinder spielen, begeben sie sich in eine andere Welt, die nichts mit ihrer Realität zu tun haben muß. Ihre Körper und Gegenstände werden für ihre Rolle in dieser anderen Welt verwandelt
  5. Aufgeweckt und aktiv, aber nicht unter Druck – wenn ich spiele oder mich dafür entscheide, mitzuspielen, bin ich aktiv. Damit ich meinen Verantwortungen im Spiel und den Spielregeln gut folgen kann, bin ich aufgeweckt. Auch dafür, um für mich zu sorgen, damit ich handeln kann, wenn es mir im Spiel nicht mehr gut geht.

Hier finden wir die Merkmale eines Lernklimas für begeistert lernen wieder: frei, selbstbestimmt, in Beziehung.

Wenn wir sagen, etwas ist ein Kinderspiel, meinen wir damit, dass etwas leicht ist, wir müssen uns nicht anstrengen, es geht wie von allein. Genau so ist das Lernen für Kinder beim Spielen.

Das Spielen gehört den Kindern

Wenn wir als Erwachsene immer nur steuern wollen, wann (Pause, Freispiel) oder was (spielerische Lese-, Rechen-, Schreibaufgaben, die Spaß machen) Kinder spielen, nehmen wir ihnen die kostbare Chance ab, selbstgesteuert und begeistert zu lernen, das heißt mit Leidenschaft und Leichtigkeit, mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit und Ausdauer. Wir wissen, wenn wir mit Begeisterung etwas lernen, hat das Gelernte eine ganz andere Qualität.

Das heißt für mich nicht, dass wir keine Spieleinladungen machen können, aber wir sollten uns unsere Motivation und Ziele bzw. Erwartungen bewußt sein, auch dass das Spielen von Kindern ihnen – und nicht uns – gehört. Kinder werden in vielen Fällen unsere Einladung annehmen und eine zeitlang mit uns spielen. Schließlich wollen sie mit uns verbunden sein und kooperieren. Für uns heißt es aber, dazu bereit zu sein, dass unser Spiel „zweckentfremdet“ wird und die Kinder daraus ihr eigenes Spiel machen (mit der Qualität des echten Kinderspiels), oder dazu, dass ein Kind wieder aufhören will und auch darf.

Kinder lernen beim Spielen doch nichts (Wichtiges)! 

Ich höre diesen Satz ziemlich oft, genau so wie “freies Lernen funktioniert nicht!”. Es kommt für mich darauf an, was wir für wichtig halten bzw. was ‚funktioniert‘ heißen sollte. Beim Spielen setzen sich Kinder mit der Welt, die sie erleben, auseinander. Als Kleinkinder haben meine Kinder gerne Familie gespielt und gekocht, so wie sie das von uns erlebt haben. Nachdem wir letztes Jahr auf einer Hochzeit waren, wurde tagelang bei uns Hochzeit gespielt; nach einem Ausflug zu einer Burg wurde Ritter und Burgleute gespielt. Wenn Kinder spielen, lernen sie sich selbst kennen und stärken ihr Selbstwertgefühl (Motivation, Resilienz, Führungsqualität). Sie organisieren sich mit anderen, verhandeln, lernen ihre eigenen Grenzen und die Grenzen anderer kennen und lösen Konflikte (Teamwork, Projektmanagement, Empathie). Sie sind höchstkreativ und nutzen oder verwandeln Gegenstände in etwas ganz Anderes, weit entfernt von ihrem ursprünglichen Zweck (kreatives Denken). Das sind genau die Kompetenzen, die in der Welt dringend benötigt werden.

Diese letzte Kompetenz, quer-, “out-of-the-box”, innovativ zu denken, ist genau das, was heute von Mitarbeitern in Großunternehmen und von der Gesellschaft verlangt wird, um Lösungen für die Herausforderungen der Welt und des Planeten zu finden. Leider ist diese auch eine Fähigkeit, die wir als Kleinkinder (in der Zeit, in der wir viel spielen) besitzen, beim Erwachsenwerden (während unserer Schulausbildung) verlieren: in seinem TED Talk „Changing education paradigms (Bildung völlig neu denken)“ (auch im Film Alphabet), zitiert Sir Ken Robinson die Ergebnisse einer Studie², bei der Kinder auf ihre Fähigkeit, divergent oder quer zu denken getestet wurden. Im Kindergartenalter galten 98% der Kinder nach den Kriterien der Studie als Genies im Querdenken. Alle fünf Jahre wurden die gleichen Kinder wieder getestet. Bei jedem Test nahm die Prozentzahl ab, bis im Erwachsenenalter nur noch 2% der Getesteten das Niveau Genie erreichten. Diese Kinder haben sich während der Langzeitstudie unterschiedlich entwickelt. Etwas, was sie aber in dieser Zeit alle gemeinsam hatten, ist, dass sie zur Schule gegangen sind,  weniger spielten und mehr ‚lernten‘.

Aber was ist mit Lesen/Schreiben/Rechnen?

Warum wir das Lernen unserer Kinder immer nur in Schulfächern sehen und warum ich das Loslassen wichtig finde, habe ich hier geschrieben, aber: Im Spiel lernen Kinder auch lesen, schreiben und rechnen, weil bzw. wenn diese Kompetenzen sinnvoll sind.

Es ist z.B. bei der Gestaltung der umweltfreundlichsten Wasserbahn der Welt ganz wichtig zu wissen, wieviel Wasser in den Eimern an einem Tag transportiert wird, um den Wassergebrauch festzuhalten. Oder wenn ich einen Zirkus gegründet habe und eine Vorführung organisiere, Plakate, Flyer und Karten erstelle und dann an der Kasse sitze, will ich, dass meine Werbung gut ankommt, dass ich möglichst viele Karten verkaufe, und dass ich sie dann auch gut an der Kasse kontrollieren kann.

Alle Kinder, die in einem Lernklima leben, in dem lesen, schreiben, und rechnen wichtige Fähigkeiten sind und praktiziert werden, werden diese Kompetenzen auch lernen. Die Qualität, in der sie gelernt werden, und ob Kinder sich dabei entfalten und ihr Selbstwertgefühl dabei erhalten bleibt, hängt allerdings davon ab, WIE gelernt wird. Ob frei, selbstbestimmt und mit Begeisterung oder unfrei, fremdbestimmt und als Last.

Spielerisches Arbeiten?

Interessanterweise greifen wir heute auch wieder aufs Spielen zurück, wenn wir Erwachsene zu etwas motivieren wollen. In Großunternehmen z.B. gewinnt das sogenannte “Gamification” immer mehr an Bedeutung. Dabei geht es darum, Mitarbeiter zu motivieren, in dem die Arbeit wie im (Computer-)Spiel belohnt wird, z.B. durch gesammelte Punkte. Im Gegensatz zum Kinderspiel ist aber Gamification nicht frei, nicht selbstbestimmt und ganz klar extrinsisch angetrieben. Tatsächlich werden Mitarbeiter motiviert, aber nur so lange, dass sie Aussicht auf eine Belohnung haben.

Gamification ist wie “spielerisches Arbeiten”. Das eigentliche Ziel, Mitarbeiter zu motivieren, wird im Spielerischen getarnt. So wie wenn wir wollen, dass Kinder etwas Bestimmtes lernen und versuchen ihnen das spielerisch beizubringen. Und wie eine wahre, tiefverspürte Begeisterung für die Arbeit nicht durch Gamification gewonnen werden kann, so ist “spielerisches Lernen” kein Ersatz für das begeisterte Lernen, das im wahren Kinderspiel stattfindet.

Was beobachtest Du beim Spielen Deiner Kinder? Wie hast Du als Kind gespielt? 

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¹ Peter Gray – Buch Befreit Lernen und Blog Freedom to Learn (Englisch), manche Blogartikel werden von Martin Wilke von SEELEDESCH ins Deutsche übersetzt.

² In „Breakpoint and Beyond“, George Land und Beth Jarman 1993

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